Die Abenteuer von Carl Weissner

25.01.2012 09:30

Der einzige echte deutsche Beat-Poet, der Charles Bukowski und William S. Burroughs aus nächster Nähe kannte, gibt uns zum 70. Geburtstag von Bob Dylan eine kurze Mitteilung zum Stand der Dinge.

Herr Weissner, Sie haben Dylan, Burroughs und Bukowski übersetzt – jetzt erscheint mit »Die Abenteuer von Trashman« nach »Manhattan Muffdiver« ihr zweiter Roman im Milena Verlag. Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit?

Der Milena Verlag hat meine Übersetzung von J.G. Ballards »Liebe & Napalm« (1970) neu herausgebracht – in einer tollen Reihe namens Exquisite Corpse. Wir waren uns einig: Da passt eigentlich auch der Autor Weissner ganz gut rein.

Von Chandra K. bis Eileen Myles: »Manhattan Muffdiver« steckt voller Zitate und Anspielungen auf alle Spielarten der Populärkultur: Ein lustvolles Spiel mit Texten! Was sagen Sie denn dagegen zu den Plagiatsdebatten von Hegemann bis Baron zu Guttenberg?

Guttenberg war schon indiskutabel, bevor er aufgeflogen ist. Helene Hegemann hat einen Satz gesagt, der zu wenig beachtet wurde, obwohl er direkt auf den Kern der verlogenen Debatte zielt: »Die hacken auf mir herum, weil ich häßlich bin.«

IWF-Chef Strauss-Kahn als Sex-Gangster verhaftet, nuklearer Fallout in Japan, ein durchgeknallter Diktator in Libyen: Eigentlich bestes Material für den nächsten Roman, oder? Oder sind die USA als Thema schon verrückt genug?

Nicht mein Ding. Aktuellen Ereignissen nachjagen, das ist etwas für Teams, die besonders schnell sind.

Was wäre ihre Idealbesetzung für eine Verfilmung von »Manhattan Muffdiver«?

Wahrscheinlich müßte man es von den Insassen eines Irrenhauses nachspielen lassen. Die können mitreden.

Und noch einmal Bob Dylan: Der kann sich dieser Tage über einen runden Geburtstag freuen – er wird 70. Ihre Grußbotschaft?

Bob, lass dich von einem Hologramm vertreten und spanne mal unter Palmen aus. Wer sich mit siebzig immer noch nicht zurücklehnt, mit dem stimmt was nicht.

Carl Weissner studierte Amerikanistik an den Universitäten Heidelberg und Bonn, gab Ende der Sechziger Jahre eine Underground-Zeitschrift heraus und erforschte mit einem Fulbright-Stipendium die literarische Alternativszene in New York und San Francisco. Anschließend übersetzte er viele Jahre lang seine amerikanischen und britischen Freunde ins Deutsche: Bukowski, Burroughs, Algren, Ginsberg, J.G. Ballard. Bekannt wurde er als einer der wenigen Literaturagenten, die ihre Autoren europaweit vertreten (Bukowski, Paul Bowles, John Fante). Sein erster Roman erschien 1970 in San Francisco; sein neuester, Death in Paris, ist auf der Burroughs-Website www.realitystudio.org zu lesen.

Bei TUBUK gibt es einiges von Carl Weissner zu entdecken: die Übersetzung von Liebe & Napalm (2008) und Toby Barlows Scharfe Zähne (2009), zu dem er das Vorwort schrieb. Dann natürlich seine eigenen Bücher Manhattan Muffdiver und, im Herbst ganz neu, Die Abenteuer von Trashman!

231 Miniaturen vom Meer

28.12.2011 10:26

Feiertagslektüre: Carola Gruber hat Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« gelesen, in der es um einen Urlaub am Meer geht, und um noch viel mehr: Um Idylle, um das Glück, zu zweit zu sein und um das Pech, seinen Fotoapparat vergessen zu haben.

Das Meer. Ein Urlaub zu zweit. Ein verliebtes Paar. Die Frau erwartet ein Kind. Das ist der Rahmen, in dem Andreas Unterwegers Buch »Du bist mein Meer« spielt. Der Autor baut ein geradewegs idyllisches Setting auf:

Das Haus am Meer.
Im Internet haben sie Fotos davon gesehen. Der Fotos wegen haben sie es gemietet: für sechs Tage.
(Damit sie noch – ein letztes Mal!, denkt er – allein sein können [besser gesagt: zu zweit].

Das Idyll hält. Das Paar verbringt die letzten sechs Urlaubstage vor der Geburt des gemeinsamen Kindes in einem Fischerort an der schottischen Küste. Spaziergänge, Lesen, Zeichnen. Der Urlaub verläuft geradezu perfekt. Ein einziges Ärgernis passiert dem Protagonisten: Er vergisst seine Kamera zuhause und steht vor der Aufgabe, diesen letzten gemeinsamen Urlaub auf andere Weise festzuhalten.

Und so dreht sich das Buch weniger um einen Konflikt zwischen den Figuren als vielmehr um die Frage, wie eine glückliche Zeit festgehalten, wie Gesehenes und Erlebtes beschrieben und damit »haltbar« gemacht werden kann: Durch Zeichnen, durch Schreiben, durch Fotografieren mit der Handykamera? Lassen sich Dinge besser erfassen, wenn man sie durch ein Fernglas betrachtet? Diese Fragen umkreist das Buch in 231 Miniaturen, die immer wieder zum Meer zurückkehren und zum Protagonisten, der es zu beschreiben versucht und sich dabei mehrfach scheitern sieht: »Er stellt fest, dass man das Meer nicht zeichnen kann.«

Schließlich hat der Protagonist die Idee, eine »Novelle« – so heißt Unterwegers Buch im Untertitel – zu schreiben. Er notiert Sätze zu einer Geschichte, die auffällige Ähnlichkeit mit dem gerade Erlebten (und dem gerade Gelesenen) haben: »›Er hat seinen Fotoapparat verloren‹, steht in seinem Notizblock.« Parallelen ergeben sich auch zwischen Autor und Figur: Der Protagonist entpuppt sich als Schriftsteller, der – wie Unterweger – nach einem ersten Buch, einer »Liebesgeschichte«, nun die Idee zu einem zweiten Buch hat:

Aber natürlich müsste so ein zweites Buch – wenn es denn tatsächlich jemals wieder so weit kommen sollte, dass er eines schreibt, denkt er – ganz anders werden als das erste.
(›Das Buch müsste von fremden Leuten handeln‹, denkt er, ›nicht von uns.‹)

Spielerisch holt sich die Fiktion ein, reflektiert sich selbst, das Verhältnis von Fakt und Fiktion: Die 231 Miniaturen sind »schriftliche Fotos«, die sich selbst wiederum beinhalten.

Das zweite Buch des österreichischen Autors Andreas Unterweger ist eine lustvolle Reflexion auf die Liebe zum Schreiben und das Schreiben über die Liebe. Der Text kommt leichtfüßig daher. Einige der Miniaturen sind gerade einmal einen Satz lang. Der Autor hat den Mut, mitunter nur drei Wörter auf eine Buchseite zu stellen. Das ist ein Wagnis. Dass es gelingt, liegt an der schlichten, stilsicheren Sprache sowie an der Komposition des Bandes. Konsequent, aber nie aufdringlich kreist Unterwegers Text um das Meer, um die Beziehung des glücklichen Paares und um die Frage der Darstellbarkeit des Erlebten. Zweimal setzt der Text – nach jeweils 77 »Bildern« – neu an und führt aufs Neue die Bandbreite dieser »schriftlichen Fotos« vor: Ein Spektrum, das von Reflexion bis Urlaubs-Schnappschuss, von Aphorismus bis Mini-Erzählung reicht.

Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« ist im Literaturverlag Droschl erschienen, hat 236 Seiten und kostet 17 €.

Zum Buch bei TUBUK »

Carola Gruber wurde 1983 in Bonn geboren. Sie studierte Kreatives Schrei­ben und Kultur­jour­nalismus sowie All­gemeine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft in Hildesheim, Berlin und Montreal. Ihr Debüt »Alles an seinem Platz» ist im poetenladen Verlag erschienen.

Zur Autorin bei TUBUK »

Katzenjungen ertränken in Ystad

13.12.2011 14:08


Ein Buch über Schönheit jenseits aller Klischees (Foto: Sara Mac Key)

Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Karlsson auf dem Dach? Schweden-Klischees aus der Kindheit sucht man bei Susanna Alakoski vergebens. In ihrem Roman »Bessere Zeiten«, der jetzt auf deutsch erschienen ist, zeichnet sie das Bild einer Kindheit auf der anderen Seite von Bullerbü: Bessere Zeiten, auf die warten hier alle.

Leena fühlt sich nirgendwo recht am Platz: Sozial benachteiligt, die Eltern Alkoholiker und immer hin- und hergeschoben von einem Wohlfahrtsstaat, in dem eigentlich jeder seine Chance haben soll. Susanna Alakoskis Debütroman ist fern jeder Idylle, fängt aber mit einer ganz eigenen Stimme den Zauber der Kindheit ein, der auch widrigsten Umständen trotzt.

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Sie stammt selbst aus Finnland und wuchs im südschwedischen Ystad auf. Ihr Blick ist geschärft von der Arbeit als Journalistin und Frauenrechtlerin, was auch in der politischen Tragweite des Romans zu spüren ist.

»Bessere Zeiten« ist in Schweden bereits ein Leinwanderfolg – der gleichnamige Film mit Noomi Rapace (bekannt als Lisbeth Salander aus Stieg Larssons »Millenium«-Trilogie) läuft seit letzter Woche auch in den deutschen Kinos.

Neugierig geworden? Hier kannst du in »Bessere Zeiten« von Susanna Alakoski hineinlesen (PDF, 109.6 KB) »

Lust auf das Buch? Wir verlosen drei Exemplare! Wenn du »Bessere Zeiten« lesen willst, schreib uns bis zum 20. Dezember eine E-Mail an contact@tubuk.com. Viel Glück!

Teilnahme per E-Mail an contact@tubuk.com. Einsendeschluss ist der 20. Dezember 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Andere Bücher braucht das Land!

05.12.2011 15:13

Jedes Jahr im November kann man im Münchner Literaturhaus die besten Bücher aus unabhängigen Verlagen entdecken. Wir waren dieses Jahr auch wieder dabei und hatten jede Menge Lesestoff im Gepäck.

  

(Fotos: Norsin Tancik)

Vielen Dank an alle Besucher, die wir persönlich kennen lernen konnten. Es hat sehr viel Spaß gemacht – und das Literaturhaus bot mal wieder eine spektakuläre Aussicht. Wer nicht vorbeikommen konnte, findet alle Bücher natürlich jederzeit online bei TUBUK »