»Ich denke in Bildern«

»Minkowskis Zitronen« zwischen Bild und Text: Illustration von Nele Brönner

Alexander Graeff ist ein Wandler zwischen den Welten: Der studierte Philosoph beschäftigt sich in seinen Essays mit Okkultismus und Avantgarde; seine Erzählungen entfalten eine ganz eigene Ästhetik zwischen psychologischen Studien und surrealen Erlebniswelten. Nachlesen kann man das in dem neuen Band »Minkowskis Zitronen«, aus dem wir eine Geschichte exklusiv bei TUBUK veröffentlichen!

Deine Erzählungen decken ein breites Themengebiet ab, von klassisch bis experimentell. Hast du beim Schreiben bestimmte literarische Vorbilder im Kopf gehabt?

Einige Erzählungen in Minkowskis Zitronen spielen mit literarischen Motiven, manchmal auch Figuren, die ich woanders entdeckt, aufgegriffen, weitergedichtet, oder eben ganz neu inszeniert habe. In erster Linie hat mich André Breton beeinflusst. In Minkowskis Zitronen sind aber auch Auseinandersetzungen mit Jorge Luis Borges oder Thomas Mann vereint, und die Existentialisten hatten bei diesem Buch auch einen Einfluss.

Beim Lesen hat man das Gefühl, dass deine Texte sehr durchdacht sind. Wie lange feilst du an einer Erzählung, bis sie fertig ist?

Die Arbeitszeit variiert stark von Erzählung zu Erzählung. An manchen arbeite ich nur wenige Monate, dann speichere ich sie und spätestens, wenn sie in einem Buch erscheinen soll, nehme ich sie mir nochmal vor. Wichtig ist mir, dass ich Schreib- und Textarbeit trenne. Nicht wenige meiner Texte, fast alle Prosafragmente und bestimmte Passagen aus den Erzählungen sind automatisch entstanden. So komme ich auf gute, sonst verborgen gebliebene Ideen, Themen und Atmosphären. Natürlich ist das Ergebnis einer solchen Schreibmethode noch kein literarischer Text. Erst in der Textarbeit feile ich dann an Sprache, Form und Konstruktion.

Du bist neben deiner literarischen Arbeit auch als Dozent tätig. Wie sehr beeinflussen sich diese Bereiche gegenseitig?

Das Thema der menschlichen Entwicklung durchzieht meine bildungstheoretischen Arbeiten ebenso wie es auch oft die Protagonisten aus meinen Erzählungen angeht. Wissenschaftliches Schreiben erfahre ich aber schon als etwas anderes als belletristisches oder essayistisches. Was ich nicht gerne trenne ist (praktische) Philosophie und Belletristik; ich versuche, beide Felder zu vereinen. Ich bin bemüht, die Philosophie gelegentlich mit einer Prise Poesie zu würzen. Und meine Belletristik ist ja durch und durch philosophisch.

Wenn man »Minkowskis Zitronen« aufschlägt, fallen einem auch die surrealen Illustrationen sofort ins Auge…

Ich denke in Bildern. Meine Texte sind Beschreibungen von (Gedanken-)Bildern oder Szenen, bewegten Bildern. Nele Brönner, die Minkowskis Zitronen illustrierte, fand ähnlich skurrile Gestalten auf dem Papier wie ich sie bereits in meinem Kopf skizziert hatte. Ich habe nie eine Konkurrenz zwischen Text und Bild gesehen; ich glaube, dass man Bilder lesen muss und Texte auch geschaut werden können, müssen – denn zwischen den Buchstaben, die man liest, finden sich die wirklich anregenden Reminiszenzen im Text. Die »Leerstellen« machen die Literatur, weniger der Text.

Vielen Dank für das Interview!

»Minkowskis Zitronen« ist im Verlagshaus J. Frank | Berlin erschienen, hat 112 Seiten und kostet 13,90 €. Zum Buch bei TUBUK »

»Der Sklave«, eine Geschichte aus dem neuen Buch von Alexander Graeff, kannst du hier lesen: Sklave (PDF, 429 KB) »

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