Artikel zum Thema »Druckfrisch«

»Alle Menschen, die mir lieb sind, tragen den Lost-Stempel«

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

Unter der schneeweißen Oberfläche brodelt es (Foto: Wing-Chi Poon)

Lisa Kränzler hat mit »EXPORT A« einen packenden Debütroman über eine Schülerin geschrieben, die sich in den Weiten Kanadas verliert. Wir haben ihr fünf Fragen zu »EXPORT A« gestellt.

Du arbeitest als bildende Künstlerin. Was war der Auslöser dafür, dass du jetzt einen Roman geschrieben hast?

Es waren vor allem die Probleme, vor welche mich die Malerei gestellt hat, die mein Schreiben gefördert haben. Allerdings sah ich meine Texte, die sich in keines der gängigen Prosagenres eingliedern ließen, immer in der bildenden Kunst, nicht in der Literatur, verortet. Ich hatte nicht vor einen Roman zu schreiben. Trotzdem hat mich das Schreiben irgendwann an den Punkt gebracht, an dem es plötzlich absolut notwendig schien, genau dies zu tun. Es musste sein. Das erste Kapitel löste eine Art Kettenreaktion aus, die zwangsläufig weitere Kapitel mit sich brachte und erst mit dem letzten Satz endete.

Für viele junge Menschen ist ein Austauschjahr im Ausland voller Abenteuer und Verheißung. Bei deiner Hauptfigur schlägt das schnell ins Gegenteil um. Warum?

Genau diese Frage, nämlich warum ihr all das zustößt, die Suche nach den Ursachen, ist eines der Kernthemen von »EXPORT A«. Das Dickicht der Ereignisse, in welches Lisa Kerz gerät, lässt dabei keine klare oder eindeutige Antwort zu. Deutlich wird dagegen vor allem, wie sehr sie die Umbrüche, die ihr Aufenthalt mit sich bringt, überfordern. Kanada raubt Lisa Stück für Stück jegliche Stabilität. Sie verliert die Geborgenheit ihres Elternhauses, ihren Glauben, ihre Unschuld, erfährt Einsamkeit, Zweifel und Verzweiflung. Zeit, sich an die neuen Zustände und Veränderungen zu gewöhnen, bleibt ihr nicht.

Christliche Erziehung und Hinterwäldler: Ist »EXPORT A« auch eine Abrechnung mit der nordamerikanischen Gesellschaft?

Nein. Die Nordamerikaner haben keine Rechnung bei mir offen. Allgemeine Aussagen über die Zustände innerhalb von Gesellschaften zu treffen, maße ich mir nicht an. Es interessiert mich auch nicht. Was mich interessiert ist das Spezifische, der Einzelfall, der sich präzise beleuchten und beobachten lässt, und nicht das allgemeine »große Ganze«, dessen Zusammenhänge man, wegen der unendlichen Anzahl von Faktoren, die auf dieses Ganze einwirken, niemals adäquat erkennen kann.

»EXPORT A« ist dein erster Roman. Hast du bestimmte Vorbilder oder siehst du Anknüpfungspunkte für dein Buch in der aktuellen Literaturlandschaft?

Ich habe keine Vorbilder – was nicht heißen soll, dass es keine Schriftsteller gibt, die ich bewundere. Aber man kann nun mal nicht mit den Gedanken eines anderen denken – und also auch nicht so schreiben… Da 98% meines Lesestoffs von Schriftstellern stammt, die bereits tot sind, ist die »aktuelle Literaturlandschaft« ein mir unbekanntes Terrain. Die Aufgabe, mich in diese Landschaft einzuordnen, werden daher andere übernehmen müssen.

Weißt du schon, was dein nächstes Projekt sein wird? Woran arbeitest du gerade, und wo kann man deine Bilder sehen?

Mein »Projekt« besteht seit Jahren vor allem darin, so viel und so ungestört wie möglich zu arbeiten, sprich zu malen und zu schreiben. Das werde ich auch weiterhin tun. Was meine Bilder angeht: Momentan habe ich keine Ausstellung. Es gibt daher leider kein konkretes wo, auf das ich verweisen könnte. Einen groben Einblick in das, was ich malerisch so mache, geben meine Seiten im Meisterschülerkatalog TOP 11 der Kunstakademie Karlsruhe, den ich an dieser Stelle wärmstens empfehle.

Lisa Kränzlers Roman »EXPORT A« ist im Verbrecher Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 21 €.

Zum Buch bei TUBUK »

Die Abenteuer von Carl Weissner

Mittwoch, Januar 25th, 2012

Der einzige echte deutsche Beat-Poet, der Charles Bukowski und William S. Burroughs aus nächster Nähe kannte, gibt uns zum 70. Geburtstag von Bob Dylan eine kurze Mitteilung zum Stand der Dinge.

Herr Weissner, Sie haben Dylan, Burroughs und Bukowski übersetzt – jetzt erscheint mit »Die Abenteuer von Trashman« nach »Manhattan Muffdiver« ihr zweiter Roman im Milena Verlag. Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit?

Der Milena Verlag hat meine Übersetzung von J.G. Ballards »Liebe & Napalm« (1970) neu herausgebracht – in einer tollen Reihe namens Exquisite Corpse. Wir waren uns einig: Da passt eigentlich auch der Autor Weissner ganz gut rein.

Von Chandra K. bis Eileen Myles: »Manhattan Muffdiver« steckt voller Zitate und Anspielungen auf alle Spielarten der Populärkultur: Ein lustvolles Spiel mit Texten! Was sagen Sie denn dagegen zu den Plagiatsdebatten von Hegemann bis Baron zu Guttenberg?

Guttenberg war schon indiskutabel, bevor er aufgeflogen ist. Helene Hegemann hat einen Satz gesagt, der zu wenig beachtet wurde, obwohl er direkt auf den Kern der verlogenen Debatte zielt: »Die hacken auf mir herum, weil ich häßlich bin.«

IWF-Chef Strauss-Kahn als Sex-Gangster verhaftet, nuklearer Fallout in Japan, ein durchgeknallter Diktator in Libyen: Eigentlich bestes Material für den nächsten Roman, oder? Oder sind die USA als Thema schon verrückt genug?

Nicht mein Ding. Aktuellen Ereignissen nachjagen, das ist etwas für Teams, die besonders schnell sind.

Was wäre ihre Idealbesetzung für eine Verfilmung von »Manhattan Muffdiver«?

Wahrscheinlich müßte man es von den Insassen eines Irrenhauses nachspielen lassen. Die können mitreden.

Und noch einmal Bob Dylan: Der kann sich dieser Tage über einen runden Geburtstag freuen – er wird 70. Ihre Grußbotschaft?

Bob, lass dich von einem Hologramm vertreten und spanne mal unter Palmen aus. Wer sich mit siebzig immer noch nicht zurücklehnt, mit dem stimmt was nicht.

Carl Weissner studierte Amerikanistik an den Universitäten Heidelberg und Bonn, gab Ende der Sechziger Jahre eine Underground-Zeitschrift heraus und erforschte mit einem Fulbright-Stipendium die literarische Alternativszene in New York und San Francisco. Anschließend übersetzte er viele Jahre lang seine amerikanischen und britischen Freunde ins Deutsche: Bukowski, Burroughs, Algren, Ginsberg, J.G. Ballard. Bekannt wurde er als einer der wenigen Literaturagenten, die ihre Autoren europaweit vertreten (Bukowski, Paul Bowles, John Fante). Sein erster Roman erschien 1970 in San Francisco; sein neuester, Death in Paris, ist auf der Burroughs-Website www.realitystudio.org zu lesen.

Bei TUBUK gibt es einiges von Carl Weissner zu entdecken: die Übersetzung von Liebe & Napalm (2008) und Toby Barlows Scharfe Zähne (2009), zu dem er das Vorwort schrieb. Dann natürlich seine eigenen Bücher Manhattan Muffdiver und, im Herbst ganz neu, Die Abenteuer von Trashman!

Katzenjungen ertränken in Ystad

Dienstag, Dezember 13th, 2011


Ein Buch über Schönheit jenseits aller Klischees (Foto: Sara Mac Key)

Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Karlsson auf dem Dach? Schweden-Klischees aus der Kindheit sucht man bei Susanna Alakoski vergebens. In ihrem Roman »Bessere Zeiten«, der jetzt auf deutsch erschienen ist, zeichnet sie das Bild einer Kindheit auf der anderen Seite von Bullerbü: Bessere Zeiten, auf die warten hier alle.

Leena fühlt sich nirgendwo recht am Platz: Sozial benachteiligt, die Eltern Alkoholiker und immer hin- und hergeschoben von einem Wohlfahrtsstaat, in dem eigentlich jeder seine Chance haben soll. Susanna Alakoskis Debütroman ist fern jeder Idylle, fängt aber mit einer ganz eigenen Stimme den Zauber der Kindheit ein, der auch widrigsten Umständen trotzt.

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt: Sie stammt selbst aus Finnland und wuchs im südschwedischen Ystad auf. Ihr Blick ist geschärft von der Arbeit als Journalistin und Frauenrechtlerin, was auch in der politischen Tragweite des Romans zu spüren ist.

»Bessere Zeiten« ist in Schweden bereits ein Leinwanderfolg – der gleichnamige Film mit Noomi Rapace (bekannt als Lisbeth Salander aus Stieg Larssons »Millenium«-Trilogie) läuft seit letzter Woche auch in den deutschen Kinos.

Neugierig geworden? Hier kannst du in »Bessere Zeiten« von Susanna Alakoski hineinlesen (PDF, 109.6 KB) »

Lust auf das Buch? Wir verlosen drei Exemplare! Wenn du »Bessere Zeiten« lesen willst, schreib uns bis zum 20. Dezember eine E-Mail an contact@tubuk.com. Viel Glück!

Teilnahme per E-Mail an contact@tubuk.com. Einsendeschluss ist der 20. Dezember 2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

»Ich denke in Bildern«

Dienstag, August 23rd, 2011

»Minkowskis Zitronen« zwischen Bild und Text: Illustration von Nele Brönner

Alexander Graeff ist ein Wandler zwischen den Welten: Der studierte Philosoph beschäftigt sich in seinen Essays mit Okkultismus und Avantgarde; seine Erzählungen entfalten eine ganz eigene Ästhetik zwischen psychologischen Studien und surrealen Erlebniswelten. Nachlesen kann man das in dem neuen Band »Minkowskis Zitronen«, aus dem wir eine Geschichte exklusiv bei TUBUK veröffentlichen!

Deine Erzählungen decken ein breites Themengebiet ab, von klassisch bis experimentell. Hast du beim Schreiben bestimmte literarische Vorbilder im Kopf gehabt?

Einige Erzählungen in Minkowskis Zitronen spielen mit literarischen Motiven, manchmal auch Figuren, die ich woanders entdeckt, aufgegriffen, weitergedichtet, oder eben ganz neu inszeniert habe. In erster Linie hat mich André Breton beeinflusst. In Minkowskis Zitronen sind aber auch Auseinandersetzungen mit Jorge Luis Borges oder Thomas Mann vereint, und die Existentialisten hatten bei diesem Buch auch einen Einfluss.

Beim Lesen hat man das Gefühl, dass deine Texte sehr durchdacht sind. Wie lange feilst du an einer Erzählung, bis sie fertig ist?

Die Arbeitszeit variiert stark von Erzählung zu Erzählung. An manchen arbeite ich nur wenige Monate, dann speichere ich sie und spätestens, wenn sie in einem Buch erscheinen soll, nehme ich sie mir nochmal vor. Wichtig ist mir, dass ich Schreib- und Textarbeit trenne. Nicht wenige meiner Texte, fast alle Prosafragmente und bestimmte Passagen aus den Erzählungen sind automatisch entstanden. So komme ich auf gute, sonst verborgen gebliebene Ideen, Themen und Atmosphären. Natürlich ist das Ergebnis einer solchen Schreibmethode noch kein literarischer Text. Erst in der Textarbeit feile ich dann an Sprache, Form und Konstruktion.

Du bist neben deiner literarischen Arbeit auch als Dozent tätig. Wie sehr beeinflussen sich diese Bereiche gegenseitig?

Das Thema der menschlichen Entwicklung durchzieht meine bildungstheoretischen Arbeiten ebenso wie es auch oft die Protagonisten aus meinen Erzählungen angeht. Wissenschaftliches Schreiben erfahre ich aber schon als etwas anderes als belletristisches oder essayistisches. Was ich nicht gerne trenne ist (praktische) Philosophie und Belletristik; ich versuche, beide Felder zu vereinen. Ich bin bemüht, die Philosophie gelegentlich mit einer Prise Poesie zu würzen. Und meine Belletristik ist ja durch und durch philosophisch.

Wenn man »Minkowskis Zitronen« aufschlägt, fallen einem auch die surrealen Illustrationen sofort ins Auge…

Ich denke in Bildern. Meine Texte sind Beschreibungen von (Gedanken-)Bildern oder Szenen, bewegten Bildern. Nele Brönner, die Minkowskis Zitronen illustrierte, fand ähnlich skurrile Gestalten auf dem Papier wie ich sie bereits in meinem Kopf skizziert hatte. Ich habe nie eine Konkurrenz zwischen Text und Bild gesehen; ich glaube, dass man Bilder lesen muss und Texte auch geschaut werden können, müssen – denn zwischen den Buchstaben, die man liest, finden sich die wirklich anregenden Reminiszenzen im Text. Die »Leerstellen« machen die Literatur, weniger der Text.

Vielen Dank für das Interview!

»Minkowskis Zitronen« ist im Verlagshaus J. Frank | Berlin erschienen, hat 112 Seiten und kostet 13,90 €. Zum Buch bei TUBUK »

»Der Sklave«, eine Geschichte aus dem neuen Buch von Alexander Graeff, kannst du hier lesen: Sklave (PDF, 429 KB) »