Artikel zum Thema »Druckfrisch«

»Ich denke in Bildern«

Dienstag, August 23rd, 2011

»Minkowskis Zitronen« zwischen Bild und Text: Illustration von Nele Brönner

Alexander Graeff ist ein Wandler zwischen den Welten: Der studierte Philosoph beschäftigt sich in seinen Essays mit Okkultismus und Avantgarde; seine Erzählungen entfalten eine ganz eigene Ästhetik zwischen psychologischen Studien und surrealen Erlebniswelten. Nachlesen kann man das in dem neuen Band »Minkowskis Zitronen«, aus dem wir eine Geschichte exklusiv bei TUBUK veröffentlichen!

Deine Erzählungen decken ein breites Themengebiet ab, von klassisch bis experimentell. Hast du beim Schreiben bestimmte literarische Vorbilder im Kopf gehabt?

Einige Erzählungen in Minkowskis Zitronen spielen mit literarischen Motiven, manchmal auch Figuren, die ich woanders entdeckt, aufgegriffen, weitergedichtet, oder eben ganz neu inszeniert habe. In erster Linie hat mich André Breton beeinflusst. In Minkowskis Zitronen sind aber auch Auseinandersetzungen mit Jorge Luis Borges oder Thomas Mann vereint, und die Existentialisten hatten bei diesem Buch auch einen Einfluss.

Beim Lesen hat man das Gefühl, dass deine Texte sehr durchdacht sind. Wie lange feilst du an einer Erzählung, bis sie fertig ist?

Die Arbeitszeit variiert stark von Erzählung zu Erzählung. An manchen arbeite ich nur wenige Monate, dann speichere ich sie und spätestens, wenn sie in einem Buch erscheinen soll, nehme ich sie mir nochmal vor. Wichtig ist mir, dass ich Schreib- und Textarbeit trenne. Nicht wenige meiner Texte, fast alle Prosafragmente und bestimmte Passagen aus den Erzählungen sind automatisch entstanden. So komme ich auf gute, sonst verborgen gebliebene Ideen, Themen und Atmosphären. Natürlich ist das Ergebnis einer solchen Schreibmethode noch kein literarischer Text. Erst in der Textarbeit feile ich dann an Sprache, Form und Konstruktion.

Du bist neben deiner literarischen Arbeit auch als Dozent tätig. Wie sehr beeinflussen sich diese Bereiche gegenseitig?

Das Thema der menschlichen Entwicklung durchzieht meine bildungstheoretischen Arbeiten ebenso wie es auch oft die Protagonisten aus meinen Erzählungen angeht. Wissenschaftliches Schreiben erfahre ich aber schon als etwas anderes als belletristisches oder essayistisches. Was ich nicht gerne trenne ist (praktische) Philosophie und Belletristik; ich versuche, beide Felder zu vereinen. Ich bin bemüht, die Philosophie gelegentlich mit einer Prise Poesie zu würzen. Und meine Belletristik ist ja durch und durch philosophisch.

Wenn man »Minkowskis Zitronen« aufschlägt, fallen einem auch die surrealen Illustrationen sofort ins Auge…

Ich denke in Bildern. Meine Texte sind Beschreibungen von (Gedanken-)Bildern oder Szenen, bewegten Bildern. Nele Brönner, die Minkowskis Zitronen illustrierte, fand ähnlich skurrile Gestalten auf dem Papier wie ich sie bereits in meinem Kopf skizziert hatte. Ich habe nie eine Konkurrenz zwischen Text und Bild gesehen; ich glaube, dass man Bilder lesen muss und Texte auch geschaut werden können, müssen – denn zwischen den Buchstaben, die man liest, finden sich die wirklich anregenden Reminiszenzen im Text. Die »Leerstellen« machen die Literatur, weniger der Text.

Vielen Dank für das Interview!

»Minkowskis Zitronen« ist im Verlagshaus J. Frank | Berlin erschienen, hat 112 Seiten und kostet 13,90 €. Zum Buch bei TUBUK »

»Der Sklave«, eine Geschichte aus dem neuen Buch von Alexander Graeff, kannst du hier lesen: Sklave (PDF, 429 KB) »

Von New York bis Reykjavik

Freitag, August 12th, 2011

Entdecke die Welt in preisgekrönten Reportagen aus allen Ecken der Welt und legendären Interviews mit den großen Schriftstellern!

Die Welt ist da, damit wir sie entdecken. Aber was ist mit den Randzonen der globalisierten Wirtschaftswelt? Die zeigt uns Gerhard Waldheer in seinem Buch »Bruttoglobaltournee«. Geschichten aus einem vergangenen Amerika kannst du dir in »McSorley’s Wonderful Saloon« von Joseph Mitchell erzählen lassen. Und was haben Dorothy Parker, Ernest Hemingway und David Grossmann gemeinsam? Sie alle wurden in der Paris Review interviewt! Die aktuelle Wirtschaftslage kommentiert aus isländischer Sicht Andri Snaer Magnason. Und er hat auch allen Grund dazu: In »Traumland« skizziert er den Bankrott seines Heimatlands und zeichnet ein düsteres Island-Bild.

Gerhard Waldheer: Bruttoglobaltournee

Wie sieht die Welt dort aus, wo sie globalisiert ist? Was hat die Globalisierung verändert, geschaffen, zerstört? Die gesammelten Reportagen von Gerhard Waldherr ergeben in diesem Buch mehr als die Summe der einzelnen Teile, nämlich ein vielschichtiges Gesamtbild, und zeigen so, was guter Journalismus heute immer noch kann und muss. Gerhard Waldherr sammelt in seinen ausgezeichneten Reportagen präzise Details zur Globalisierung überall auf der Welt und setzt sie in größere Zusammenhänge. »Bruttoglobaltournee« enthält 25 Texte aus allen Kontinenten, Texte, die den Spuren der Globalisierung nachgehen. Waldherr sieht Vorgänge und Ereignisse, die uns meist verborgen bleiben, sei es in Neufundland, in den USA, Mexiko, Lateinamerika, in der Antarktis, im Nahen Osten, Japan, China, Moskau, Island, Holland, Spanien, Italien und auch im Herzen von Europa. Wir als Leser sind sind am Ende der »Bruttoglobaltournee« sprachlos, atemlos und um einiges klüger als zuvor.

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Joseph Mitchell: McSorley’s Wonderful Saloon

Ein Besuch auf einer Schildkrötenfarm, die einen Großteil des nordamerikanischen Bedarfs an Schildkrötenfleisch deckt; das Porträt einer seit 1854 bestehenden New Yorker Kneipe; schwindelfreie Indianer im Stahlhochbau; findige Nichtstuer, hochbegabte Kinder, Muschelfischer und bärtige Damen; eine Schilderung der Institution »Beefsteak«, einem Begängnis, bei dem es ums Vertilgen ungeheurer Mengen Fleisch geht; der fundamentalistische Straßenprediger, der das Telefon für seine Zwecke entdeckt hat, oder Captain Charleys Museum für intelligente Menschen: Joseph Mitchells Geschichten, Porträts, Reportagen und Erzählungen sind längst Klassiker amerikanischer Literatur. Mitchell ist ein begnadeter Zuhörer, der vor allem die von ihm Porträtierten selbst zu Wort kommen lässt. In seinen »teilnehmenden Beobachtungen« verbinden sich Sachlichkeit mit literarischer Anschaulichkeit der Besch
reibung, subjektivem Humor und scharfer Beobachtungsgabe.

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Die Paris Review Interviews

Die berühmten Paris Review Interviews, nun auf Deutsch in einer ersten Auswahl – weitere werden folgen. Frauen und Männer der Weltliteratur stehen Rede und Antwort über den Alltag ihres Schreibens, ihr Genie und gewöhnliche Zweifel und geben ungewöhnliche Einsichten in ihre Kunst und ihr Leben. Und was ergibt das, wenn sie schließlich bei der Form des Interviews selbst Hand anlegen? Große Literatur.

Im ersten Band: Dorothy Parker, Francoise Sagan, Truman Capote, Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov, Kurt Vonnegut, Heinrich Böll, Philip Roth, Toni Morrison, Orhan Pamuk, Joan Didion und David Grossman.

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Andri Snaer Magnason: Traumland

Island: Das ist ein nordischer Touristentraum, sind dampfende Geysire inmitten unwirklich schöner Landschaft, Elfen, Trolle, ein Popstar namens Björk. Seit kurzem aber steht Island auch für Staatsbankrott, Naturzerstörung und in der Folge für eine entschiedene Absage ans politische Establishment – eine kreative Revolution. Einer der Akteure dieses Aufstands, der Schriftsteller Andri Snaer Magnason, erzählt in »Traumland«, was dazwischen passiert ist.

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Plan D: Beschleunigtes Einreiseverfahren

Montag, Juli 18th, 2011

Wir schreiben das Jahr 2011. Die DDR ist quicklebendig und Oskar Lafontaine, Bundeskanzler der Bundesrepublik, setzt auf Annäherungspolitik. Doch dann kommt alles ganz anders…

Neugierig geworden? Dann ist du Simon Urbans Roman »Plan D« ein Fall für dich. Wenn du diesen Monat auf jeden Fall beim Testlesen mitmachen willst, solltest du den Einbürgerungstest bestehen. Gleich hier im Blog! Schreibe uns deine Antwort per E-Mail an contact@tubuk.com. Unter allen Einsendungen werden drei Testleser für »Plan D« ermittelt, die das Buch erhalten und für TUBUK rezensieren dürfen. Viel Glück!

Beantworte die folgenden zehn Fragen und notiere den zur richtigen Antwort gehörenden Buchstaben. Das Lösungswort ist ein zentraler Bestandteil des Arbeiter- und Bauernstaates!

Frage 1

Im Anschluss an eine Betriebsführung durch das Kombinat Industrielle Mast Gutenberg erhältst du einen Broiler. Dabei handelt es sich um

F eine gegrillte Schweinshaxe

A ein Tranchiermesser

V ein Brathähnchen

 

Frage 2

Dein Neffe wird ab heute gesiezt, denn er wurde in monatlichen Jugendstunden durch Betriebsbesichtigungen, Vorträge über Sexualität und Politik, Tanzstunden und Ähnliches auf die gesellschaftliche Realität vorbereitet. Diese Schulung hat ihren Abschluss gefunden in

P dem Fahneneid

O der Jugendweihe

L dem staatsbürgerlichen Gelöbnis

 

Frage 3

Du besuchst am Wochenende den Demokratischen Sektor von Berlin und besichtigst dabei auch

M den Antikapitalistischen Schutzschild

L den Anitfaschistischen Schutzwall

R die »kleine« Mauer (in Anlehnung an die Mauer der chinesischen Brudernation)

 

Frage 4

Dein Großvater schwärmt noch heute vom Länderspielsieg der DDR gegen die Bundesrepublik während der WM 1974 in Deutschland. Das Spiel endete 1:0 für die DDR und der Torschütze hieß

K Jürgen Sparwasser

Q Hans-Jürgen Kreische

T Jürgen Pommerenke

 

Frage 5

Du erinnerst dich noch genau an deinen Urlaub im FDGB-Ferienheim im Harz, als Vorzeigesportlerin Katarina Witt zum letzten Mal olympisches Gold für die DDR gewann. Das war in

S Calgary

L Albertville

Z Sarajevo

 

Frage 6

Ein entfernter Bekannter landet wegen staatsfeindlicher Umtriebe in der Sonderhaftanstalt Bautzen I, auch bekannt als

G blaue Lagune

A gelbes Elend

E dunkler Keller

 

Frage 7

Du willst deine Freundin zum Geburtstag mit Kosmetik aus dem VEB Florena Waldheim überraschen. Die Kosmetikserie von Weltniveau hat den Namen:

R Action

U Prima

O Vorwärts

 

Frage 8

Dein jüngerer Bruder ist bei der FDJ. Beim Ernteeinsatz trägt er

I eine graue Schirmmütze

G eine rote Laterne

M ein Blauhemd

 

Frage 9

Welches der folgenden Symbole findet sich nicht auf dem Wappen der DDR?

A Hammer

E Sichel

T Zirkel

 

Frage 10

Angenommen des unwahrscheinlichen und sehr hypothetischen Falles, die Geschichte wäre anders verlaufen und es hätte 1990 eine Wiedervereinigung der beiden deutsch-deutschen Staaten gegeben: Was hätte Egon Krenz nach seiner Haftentlassung am Flughafen Tegel verkauft?

H DDR-Nippes

F Geheime Unterlagen aus dem ZK

E Ausrangierte Flugzeuge

 

Schick uns das richtige Lösungswort per E-Mail an contact@tubuk.com. Einsendeschluss ist der 31.07.2011. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 
 
 

Simon Urbans Roman »Plan D« ist im Schöffling Verlag erschienen, hat 552 Seiten und kostet 24,95 €.

Zum Buch bei TUBUK »

 

»Richard Tauber war Musik«

Dienstag, Juli 12th, 2011

»Morgen muß ich fort von hier«: Evelyn Steinthaler hat die Geschichte des Startenors Richard Tauber aufgeschrieben, der in den 1920er Jahren für Furore sorgte und dann von den Nazis vertrieben wurde. Wie sie darauf gekommen ist und was uns Taubers Musik heute noch sagen kann, erzählt sie im Interview!

Wie kommt man auf die Idee, eine Biografie über einen fast vergessenen Startenor zu schreiben?

Eine persönliche Schwäche für populäre Musik der 1920er und 1930er Jahre, Interesse an campen Inszenierungen, dazu eine langjährige journalistische Beschäftigung mit Künstlerinnen und Künstlern, die in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus vertrieben oder umgebracht wurden – und letztlich die Arbeit an einem Reiseführer über das jüdische London. Da wurde mir klar, dass Richard Tauber wie sein Freund und Kollege Joseph Schmidt vertrieben worden war. Und dass über Taubers Exil viel weniger bekannt ist, als eben zum Beispiel über das Exil Josesph Schmidts.

Richard Tauber wurde 1933 aus Deutschland vertrieben, 1938 verlor er seine österreichische Heimat. Ein Beispiel von vielen, wie Künstler durch die Nazidiktatur unterdrückt wurden, oder wie war es in diesem speziellen Fall?

Tauber war einer von vielen vertriebenen Künstlern, dennoch war sein Fall speziell: die Nationalsozialisten hatten sich bereits Ende der 1920er Jahre klar gegen Tauber positioniert. Wenige andere Künstlerinnen oder Künstler wurden wie Tauber von der NS-Propaganda über Jahre hinweg missbraucht.

Richard Tauber war in der Zwischenkriegszeit enorm erfolgreich und und führte ein Luxusleben. War Tauber ein Popstar?

Tauber war ein Popstar, unbedingt. Er war der erste Künstler, der die Medien für sich zu nutzen wusste – also auch die Öffentlichkeit an seinem Privatleben teilhaben ließ. In Montevideo gab es zum Beispiel meterlange Plakatwände mit Taubers Konterfei, wenn er in der Stadt war um Konzerte zu geben. In der deutschen Wochenschau gab es in den 1920er Jahren Stummfilme, die Tauber bei Plattenaufnahmen zeigten. Wenn er eine Kehlkopfentzündung hatte, schrieben nicht nur deutsche oder österreichische Zeitungen über Taubers Befinden, sondern auch schwedische, amerikanische und australische Zeitungen. In Berlin wurde der Verkehr wurde für Tauber angehalten. Beim Berliner Sechstagerennen im Sportpalast sang Tauber und die Zeitungen berichteten von einem rasenden Publikum. Er war der erste Sänger, der die Konzertbühne verließ um für sein Publikum zu singen. Nicht selten fielen Frauen bei seinen Auftritten in Ohmacht. Ja, es gab sogar Lieder von anderen Künstlern, wie von Willy Rosen, über Taubers Wirkung auf Frauen.

»Morgen muß ich fort von hier«, »Dein ist mein ganzes Herz«: Was können uns die, ich nenne sie mal »Songs« von Richard Tauber heute noch sagen?

Tauber hat hauptsächlich Lieder gesungen, die von Sehnsucht, Begehren, Liebe, Verlust handeln. Themen, die auch heute durchaus ihre Gültigkeit haben. Er war nicht der Einzige, der diese Lieder gesungen hat, auch wenn solche wie »Dein ist mein ganzes Herz« speziell für ihn geschrieben wurden. Taubers Interpretationen unterscheiden sich aber ganz klar von jenen anderer Sänger, da er, egal was, nicht einfach nur das Lied gesungen hat, sondern es hörbar mit jeder Faser seines Körpers war. Tauber war Musik. Er war auch der einzige Topstar unter den Tenören jener Zeit, der auch Komponist und Dirigent war.

Gibt es einen Künstler, den du heute mit Tauber vergleichen könntest? Vielleicht auch aus der Popbranche – wenn man Tauber als Popstar der Zwischenkriegszeit gelten lassen würde?

Tauber war sehr an einer Breitenwirkung seiner Kunst interessiert. Er war alles andere als elitär. Von seiner internationalen Präsenz, seinem Einfluss, seinen Inszenierungen und seiner Weigerung sich an Grenzen zu halten, würde ich ihn am ehesten mit Madonna vergleichen.

…und hier ist Richard Tauber im O-Ton: »Dein ist mein ganzes Herz«

 

Evelyn Steinthaler:
»Morgen muß ich fort von hier«
Richard Tauber: Die Emigration eines Weltstars

Milena Verlag, 250 Seiten 23,00 €.
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