Artikel zum Thema »Lesestoff«

231 Miniaturen vom Meer

Mittwoch, Dezember 28th, 2011

Feiertagslektüre: Carola Gruber hat Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« gelesen, in der es um einen Urlaub am Meer geht, und um noch viel mehr: Um Idylle, um das Glück, zu zweit zu sein und um das Pech, seinen Fotoapparat vergessen zu haben.

Das Meer. Ein Urlaub zu zweit. Ein verliebtes Paar. Die Frau erwartet ein Kind. Das ist der Rahmen, in dem Andreas Unterwegers Buch »Du bist mein Meer« spielt. Der Autor baut ein geradewegs idyllisches Setting auf:

Das Haus am Meer.
Im Internet haben sie Fotos davon gesehen. Der Fotos wegen haben sie es gemietet: für sechs Tage.
(Damit sie noch – ein letztes Mal!, denkt er – allein sein können [besser gesagt: zu zweit].

Das Idyll hält. Das Paar verbringt die letzten sechs Urlaubstage vor der Geburt des gemeinsamen Kindes in einem Fischerort an der schottischen Küste. Spaziergänge, Lesen, Zeichnen. Der Urlaub verläuft geradezu perfekt. Ein einziges Ärgernis passiert dem Protagonisten: Er vergisst seine Kamera zuhause und steht vor der Aufgabe, diesen letzten gemeinsamen Urlaub auf andere Weise festzuhalten.

Und so dreht sich das Buch weniger um einen Konflikt zwischen den Figuren als vielmehr um die Frage, wie eine glückliche Zeit festgehalten, wie Gesehenes und Erlebtes beschrieben und damit »haltbar« gemacht werden kann: Durch Zeichnen, durch Schreiben, durch Fotografieren mit der Handykamera? Lassen sich Dinge besser erfassen, wenn man sie durch ein Fernglas betrachtet? Diese Fragen umkreist das Buch in 231 Miniaturen, die immer wieder zum Meer zurückkehren und zum Protagonisten, der es zu beschreiben versucht und sich dabei mehrfach scheitern sieht: »Er stellt fest, dass man das Meer nicht zeichnen kann.«

Schließlich hat der Protagonist die Idee, eine »Novelle« – so heißt Unterwegers Buch im Untertitel – zu schreiben. Er notiert Sätze zu einer Geschichte, die auffällige Ähnlichkeit mit dem gerade Erlebten (und dem gerade Gelesenen) haben: »›Er hat seinen Fotoapparat verloren‹, steht in seinem Notizblock.« Parallelen ergeben sich auch zwischen Autor und Figur: Der Protagonist entpuppt sich als Schriftsteller, der – wie Unterweger – nach einem ersten Buch, einer »Liebesgeschichte«, nun die Idee zu einem zweiten Buch hat:

Aber natürlich müsste so ein zweites Buch – wenn es denn tatsächlich jemals wieder so weit kommen sollte, dass er eines schreibt, denkt er – ganz anders werden als das erste.
(›Das Buch müsste von fremden Leuten handeln‹, denkt er, ›nicht von uns.‹)

Spielerisch holt sich die Fiktion ein, reflektiert sich selbst, das Verhältnis von Fakt und Fiktion: Die 231 Miniaturen sind »schriftliche Fotos«, die sich selbst wiederum beinhalten.

Das zweite Buch des österreichischen Autors Andreas Unterweger ist eine lustvolle Reflexion auf die Liebe zum Schreiben und das Schreiben über die Liebe. Der Text kommt leichtfüßig daher. Einige der Miniaturen sind gerade einmal einen Satz lang. Der Autor hat den Mut, mitunter nur drei Wörter auf eine Buchseite zu stellen. Das ist ein Wagnis. Dass es gelingt, liegt an der schlichten, stilsicheren Sprache sowie an der Komposition des Bandes. Konsequent, aber nie aufdringlich kreist Unterwegers Text um das Meer, um die Beziehung des glücklichen Paares und um die Frage der Darstellbarkeit des Erlebten. Zweimal setzt der Text – nach jeweils 77 »Bildern« – neu an und führt aufs Neue die Bandbreite dieser »schriftlichen Fotos« vor: Ein Spektrum, das von Reflexion bis Urlaubs-Schnappschuss, von Aphorismus bis Mini-Erzählung reicht.

Andreas Unterwegers Novelle »Du bist mein Meer« ist im Literaturverlag Droschl erschienen, hat 236 Seiten und kostet 17 €.

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Carola Gruber wurde 1983 in Bonn geboren. Sie studierte Kreatives Schrei­ben und Kultur­jour­nalismus sowie All­gemeine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft in Hildesheim, Berlin und Montreal. Ihr Debüt »Alles an seinem Platz» ist im poetenladen Verlag erschienen.

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Bücher für die einsame Insel

Freitag, Juni 24th, 2011

Welches Buch würden wir mit auf eine einsame Insel nehmen? Wir konnten uns nicht so genau entscheiden und haben deswegen vier ausgesucht. Von den Wäldern in Massachussetts an die Ostsee und dem Sandstrand in Griechenland zum Pére Lachaise: Unsere Sommerlesetipps bei TUBUK!

Vater und Sohn ganz für sich – um nichts anderes geht es in diesen Aufzeichnungen des großen Nathaniel Hawthorne, der sich mit seinem Roman »Der scharlachrote Buchstabe« als einer der ersten amerikanischen Autoren in die Weltliteratur eingeschrieben hat. Mitten im 19. Jahrhundert und mitten in den Wäldern von Massachusetts lebte er mit seiner Familie in einem roten Holzhaus. Als eines Tages Frau und Töchter für ein paar Wochen in die Stadt ziehen, bleiben Hawthorne und sein fünfjähriger Sohn Julian allein zurück.


Nathaniel Hawthorne:
Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny
Jung & Jung, 128 Seiten, 18,00 €
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Es ist erstaunlich, wie viele Gedichte sich mit Esprit der Landschaft Ostsee annehmen. Dem Meer und den sich daraus und daran entspinnenden Gedankenlandschaften. Diese setzen sich nicht nur aus typischen Signalsymbolen wie Möwen oder Brandung zusammen. Ostsee kann auch heißen: Hinterland und Distanz. Eine Projektionsfläche des durchzivilisierten, urbanen, neurotischen Alltags. Ein Auslöser für poetische Bilder, die um Weite, Unschärfe und Individuum kreisen. Ein Raum mit großer Reichweite kann die Ostsee im Gedicht sein. Ein Ort sogar, an dem der Gischt des Nichtmaritimen begegnet wird oder die Stadt auf die Stadt trifft.


Ron Winkler (Hrsg.)
Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Ostseegedichte
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 250 Seiten, 15,00 €
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Sommer 1952. Als Patrick Leigh Fermor 37-jährig über das Taygetos-Gebirge in das bitterschöne Land der Manioten bis an den südlichsten Zipfel der Peloponnes wandert, ist er in seiner Heimat bereits ein Kultautor. Gerade in der rauen, vom übrigen Griechenland durch den Taygetos abgeschnittenen Mani wittert Fermor Lebensformen und Bräuche, die direkt aus dem untergegangenen Byzanz oder dem mythischen Altertum zu kommen scheinen. So findet sich in der aus dem Stegreif gesungenen Totenklage, wenn die Sängerin sich die Haare rauft, Andromaches Trauer um Hektor wieder.


Patrick Leigh Fermor:
Mani. Reisen auf der südlichen Peloponnes.
DÖRLEMANN, 480 Seiten, 24,90 €
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Wie immer bei ­Georg ­Meier wimmelt es auch in seinen Stories von ­Episoden, die unmerklich ins Groteske ­hinübergleiten, und sein oft abgründiger Humor lässt den Leser schwanken zwischen Schmunzeln und Nachdenklichkeit. Unter seinen skurrilen Figuren sind Weltent­decker voller jugendlichem Idealismus, ­Dealer, die sich die eigene Abhängigkeit nicht eingestehen, desillusionierte Workaholics, denen die Idee von einem sinnvollen Dasein abhanden gekommen ist, Verlierertypen, für die einen trügerischen Augenblick lang die Wunschvorstellung von einem glücklichen Leben Realität zu werden scheint.


Georg Meier:
Kein weiter Weg vom Puddingshop zum Père Lachaise
Dittrich Verlag, 240 Seiten, 19,80 €
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TUBUK gegen den Dreck der Welt

Freitag, Mai 13th, 2011

Mit allen Wassern gewaschen: »Rosa gegen den Dreck der Welt« ist unser Buch der Woche!

Rosa ist eigentlich keine Heldin. Als Reinigungsfrau hat sie dafür ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein. Auf ihren Stationen durch die Wohnungen fremder Menschen begegnet sie allen Arten von Schmutz, den sie nicht mit Phosphaten, Bleichmitteln, Polycarboxylaten, sondern Essig und mehreren Litern Wasser bekämpft.

Doch dann kommt sie in die ungewöhnlich saubere Wohnung der mysteriösen Frau Hatschek, die anscheinend nie zu Hause ist, und nichts ist wie vorher: Nadja Buchers Roman »Rosa gegen den Dreck der Welt« ist vielleicht der größte Putzfrauenroman der Literaturgeschichte. Die Geschichte einer Frau, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nur ein Ziel verfolgt: Die Rettung der Welt!

Spannend, umweltbewusst und mit allen Wassern gewaschen: Unser Buch der Woche!

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Viva los Superdemokraticos!

Mittwoch, April 27th, 2011

Politische Literatur lebt! Die Autorinnen und Redakteurinnen Rery Maldonado und Nikola Richter haben im letzten Jahr die Initiative »Los Superdemokraticos« gegründet, die sich einer neuen literarischen politischen Theorie verschrieben haben.

Die Initiative versteht sich als ein Pilotprojekt für intellektuelles Fairtrade, für den gleichberechtigten Austausch zwischen Deutschland und den lateinamerikanischen Ländern. Junge Autoren, die ein eigenes politisches Vokabular für das 21. Jahrhundert suchen, haben sich Gedanken über Liebe, Politik, Arbeit, Migration und Literatur gemacht:

Mit unserem Pilotprojekt für intellektuelles Fairtrade unterstützen wir freies Denken und neue Strategien für gleichberechtigte Kult-Handlungen, denn wir glauben nicht an die erste Welt, sondern an eine Welt. Wir glauben, wie William Burroughs: »Sprache ist ein Virus«, der unseren Blick auf unser Zusammenleben und auf die Wahrnehmung des Anderen verseucht, und wir haben ein Mittel dagegen. Was wir hier vorstellen, ist eine Sammlung zufälliger Polaroids von Individuen, die ihren Alltag beschreiben. Wir haben ihnen dafür vier Themen vorgeschlagen. Innerhalb dieser konnten sie sich wie Kameraden bewegen, schwerelos, unkontrolliert, schreiend oder schweigend, vor allem schreibend. Weil wir nur denken können, wenn es richtig sauber ist, wischen wir den Staub von verkrusteten Toastern. Wir glauben, dass Worten Taten folgen müssen. Wir glauben an literarischen Aktivismus. Die Welt ist offen.

Das Buch »Los Superdemokraticos« mit Beiträgen von Emma Braslavsky, Luis Felipe Fabre, René Hamann, Abbas Khider, Alan Mills, Tilsa Otta, Sabine Scho, Nora Bossong, Ambros Waibel, Carlos Velázquez u.a. ist im Verbrecher Verlag erschienen.

Und im Internet geht’s weiter: Auf dem Blog superdemokraticos.com wurden von Juni bis Oktober 2010 etwa 200 Kurzessays veröffentlicht, von denen einige auch im Buch enthalten sind. Ab Mai 2011 wird die Berichterstattlug mit Fokus auf der Medienbeobachtung fortgesetzt. Unser Linktipp!

» Los Superdemokraticos (http://www.superdemokraticos.com)