Artikel zum Thema »TUBUK quetscht aus«

»Richard Tauber war Musik«

Dienstag, Juli 12th, 2011

»Morgen muß ich fort von hier«: Evelyn Steinthaler hat die Geschichte des Startenors Richard Tauber aufgeschrieben, der in den 1920er Jahren für Furore sorgte und dann von den Nazis vertrieben wurde. Wie sie darauf gekommen ist und was uns Taubers Musik heute noch sagen kann, erzählt sie im Interview!

Wie kommt man auf die Idee, eine Biografie über einen fast vergessenen Startenor zu schreiben?

Eine persönliche Schwäche für populäre Musik der 1920er und 1930er Jahre, Interesse an campen Inszenierungen, dazu eine langjährige journalistische Beschäftigung mit Künstlerinnen und Künstlern, die in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus vertrieben oder umgebracht wurden – und letztlich die Arbeit an einem Reiseführer über das jüdische London. Da wurde mir klar, dass Richard Tauber wie sein Freund und Kollege Joseph Schmidt vertrieben worden war. Und dass über Taubers Exil viel weniger bekannt ist, als eben zum Beispiel über das Exil Josesph Schmidts.

Richard Tauber wurde 1933 aus Deutschland vertrieben, 1938 verlor er seine österreichische Heimat. Ein Beispiel von vielen, wie Künstler durch die Nazidiktatur unterdrückt wurden, oder wie war es in diesem speziellen Fall?

Tauber war einer von vielen vertriebenen Künstlern, dennoch war sein Fall speziell: die Nationalsozialisten hatten sich bereits Ende der 1920er Jahre klar gegen Tauber positioniert. Wenige andere Künstlerinnen oder Künstler wurden wie Tauber von der NS-Propaganda über Jahre hinweg missbraucht.

Richard Tauber war in der Zwischenkriegszeit enorm erfolgreich und und führte ein Luxusleben. War Tauber ein Popstar?

Tauber war ein Popstar, unbedingt. Er war der erste Künstler, der die Medien für sich zu nutzen wusste – also auch die Öffentlichkeit an seinem Privatleben teilhaben ließ. In Montevideo gab es zum Beispiel meterlange Plakatwände mit Taubers Konterfei, wenn er in der Stadt war um Konzerte zu geben. In der deutschen Wochenschau gab es in den 1920er Jahren Stummfilme, die Tauber bei Plattenaufnahmen zeigten. Wenn er eine Kehlkopfentzündung hatte, schrieben nicht nur deutsche oder österreichische Zeitungen über Taubers Befinden, sondern auch schwedische, amerikanische und australische Zeitungen. In Berlin wurde der Verkehr wurde für Tauber angehalten. Beim Berliner Sechstagerennen im Sportpalast sang Tauber und die Zeitungen berichteten von einem rasenden Publikum. Er war der erste Sänger, der die Konzertbühne verließ um für sein Publikum zu singen. Nicht selten fielen Frauen bei seinen Auftritten in Ohmacht. Ja, es gab sogar Lieder von anderen Künstlern, wie von Willy Rosen, über Taubers Wirkung auf Frauen.

»Morgen muß ich fort von hier«, »Dein ist mein ganzes Herz«: Was können uns die, ich nenne sie mal »Songs« von Richard Tauber heute noch sagen?

Tauber hat hauptsächlich Lieder gesungen, die von Sehnsucht, Begehren, Liebe, Verlust handeln. Themen, die auch heute durchaus ihre Gültigkeit haben. Er war nicht der Einzige, der diese Lieder gesungen hat, auch wenn solche wie »Dein ist mein ganzes Herz« speziell für ihn geschrieben wurden. Taubers Interpretationen unterscheiden sich aber ganz klar von jenen anderer Sänger, da er, egal was, nicht einfach nur das Lied gesungen hat, sondern es hörbar mit jeder Faser seines Körpers war. Tauber war Musik. Er war auch der einzige Topstar unter den Tenören jener Zeit, der auch Komponist und Dirigent war.

Gibt es einen Künstler, den du heute mit Tauber vergleichen könntest? Vielleicht auch aus der Popbranche – wenn man Tauber als Popstar der Zwischenkriegszeit gelten lassen würde?

Tauber war sehr an einer Breitenwirkung seiner Kunst interessiert. Er war alles andere als elitär. Von seiner internationalen Präsenz, seinem Einfluss, seinen Inszenierungen und seiner Weigerung sich an Grenzen zu halten, würde ich ihn am ehesten mit Madonna vergleichen.

…und hier ist Richard Tauber im O-Ton: »Dein ist mein ganzes Herz«

 

Evelyn Steinthaler:
»Morgen muß ich fort von hier«
Richard Tauber: Die Emigration eines Weltstars

Milena Verlag, 250 Seiten 23,00 €.
Zum Buch bei TUBUK »

 

Ich glaube, man nennt alles, was ich schreibe, Prosa

Montag, Mai 16th, 2011

Jeder Text als erneuter Versuch der Annäherung an das, was einen eigentlich umtreibt: Dorothee Elmiger (Foto: Sam Tyson)

Unser Interview des Monats: In der losen Reihe »TUBUK quetscht aus« haben wir Dorothee Elmiger zu ihrem gefeierten Debüt »Einladung an die Waghalsigen« und das Schreiben an sich befragt. Unter den Antworten findet sich auch eine Entgegnung an Andreas Heidtmann, den wir im April interviewt haben.

Du hast mit »Einladung an die Waghalsigen« ganz schön abgeräumt, zuletzt den Rauriser Literaturpreis. Herzlichen Glückwunsch! Uns würde interessieren, ob du auch schon viele Leserreaktionen auf dein Buch erhalten hast? Und gab es auch negative Stimmen?

Danke für die Glückwünsche. Hin und wieder, meist bei Lesungen, treffe ich natürlich auf Menschen, die das Buch gelesen haben und dann berichten von ihrer Leseerfahrung – dabei sind die Reaktionen immer ganz unterschiedlich. Ich freue mich aber, wenn ich das Gefühl habe, man trete in ein Gespräch ein, das seinen Anfang beim Lesen (oder Schreiben) genommen hat.

Vor dem Erscheinen des Romans hast du auch einen kurzen Text in der Edit publiziert, und im poet erschien die Erzählung mit dem schönen Titel »Als elf Schneekraniche über die Alpen flogen«. Gibt es da eine Verbindung zu »Einladung an die Waghalsigen«, oder stehen diese Texte ganz für sich?

Für mich stehen alle Texte in einem grundsätzlichen Zusammenhang – ich begreife sie nicht als einsame Einheiten, sondern vielleicht eher als Versuche: Jeder Text als erneuter Versuch der Annäherung an das, was einen eigentlich umtreibt. Einige Vögel tauchen ja in meinen Texten ab und zu auf, sie sind vielleicht den Überblendungszeichen aus dem Kino nicht unähnlich.

In »Über die Umstände meiner Jugend« sind Bezüge zur Schweiz und den Bergen zu erkennen, während »Einladung an die Waghalsigen« in einer düsteren, nicht genauer bezeichneten Welt spielt. Die Schwestern Stein studieren aber alte Atlanten, versuchen also etwas über ihre Herkunft herauszufinden. Welche Rollen spielt Natur oder überhaupt die Geographie eines Ortes für dein Schreiben?

Das ist, glaube ich, von Text zu Text verschieden. Die zwei Schwestern Stein, zum Beispiel, leben an einem Ort, der bestimmt wird von einem grossen Fehlen, von einer Abwesenheit, die um sich greift. Umso präsenter werden deshalb Landschaft und Natur im Text, sie tragen aber die Spuren der Geschichte in sich, es handelt sich also nicht um unberührte, idealisierte Natur.

Andere Texte sind für mich stärker in einer mir vertrauten Landschaft verortet – dann tauchen zum Beispiel die Ostschweizer Voralpen auf.

Zur literarischen Form: Liegt dir die Prosa am meisten? Oder könntest du dir auch vorstellen, Gedichte oder etwa Drehbücher zu schreiben?

Ich glaube, man nennt alles, was ich schreibe, Prosa. Obwohl ich nie am Schreibtisch sitze und mir das so vornehme: Die Grenzen zwischen den Gattungen sind für mich gar nicht so undurchlässig, wenn ich schreibe.

Vor kurzem hat Andreas Heidtmann, der Verleger des poetenladens, in diesem Blog die Bedeutung der weiblichen Stimmen herausgestellt (»Oft sind Erzählerinnen näher am Alltag und oft gelingt es ihnen hervorragend, Lebenssituationen ins Literarische zu verwandeln«, Zum Interview). Stimmst du da zu? Steht für dich die weibliche Perspektive beim Schreiben im Vordergrund, oder sind es andere Schwerpunkte?

Ich bin oft erstaunt darüber, wie sehr auf dieser Benennung (und der Existenz) einer weiblichen oder männlichen Perspektive beharrt wird. Gerade der von dir zitierte Satz Heidtmanns weckt bei mir grosses Unbehagen: Weshalb sind Erzählerinnen denn näher am Alltag – sind sie nicht zu geistigen Höhenflügen fähig oder sind sie immer noch – und seit jeher – für das Alltägliche, das Häusliche, das Einfache, das Emotionale zuständig?

Als Leserin habe ich oft den Eindruck, auch in der zeitgenössischen Literatur würden noch immer überwiegend Frauen gezeichnet, die schwach, krank und schutzbedürftig sind, während die Männer abenteuerlustig durch die Welt spazieren. Dem gilt es doch etwas entgegenzusetzen.

Dorothee Elmiger wurde 1985 in Wetzikon (Schweiz) geboren und wuchs in Appenzell auf. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und verbrachte ein Semester am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Seit 2009 studiert sie Politikwissenschaft in Berlin. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2010 erhielt sie den Kelag-Preis. Für »Einladung an die Waghalsigen« wurde Dorothee Elmiger mit dem aspekte-Literaturpreis 2010 für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet.

»Einladung an die Waghalsigen« bei TUBUK »

Zur Edit Nr. 51 bei TUBUK »

Zur BELLA triste 28 bei TUBUK »

Zum poet Nr. 9 bei TUBUK »

 

PENG! Andreas Heidtmann im Gespräch

Montag, April 18th, 2011

Der Verleger des Leipziger poetenladens, Andreas Heidtmann, erzählt im Interview über die neuen Bücher aus seinem Verlag und erklärt uns, warum die Zukunft der jungen Literatur weiblich ist.

Ihr habt mit Katharina Hartwell, Marie T. Martin und Tina Gintrowski drei neue junge Schriftstellerinnen im Programm. Im letzten Jahr sind auch Dorothee Elmiger, Judith Zander, Annika Scheffel – um nur ein paar zu nennen – auf die literarische Bühne getreten. Ist die spannendste junge Literatur weiblich?

Seit Jahren nimmt der Anteil an Autorinnen gegenüber den Autoren zu. Folglich finden sich auch immer mehr spannende Bücher junger Autorinnen. Ohne diesen produktiven Zuwachs wäre vor allem die Sparte der Erzählungen und der Lyrik ärmer. Oft sind Erzählerinnen näher am Alltag und oft gelingt es ihnen hervorragend, Lebenssituationen ins Literarische zu verwandeln.

Die vielleicht ungewöhnlichste Neuerscheinung ist der Band PENG. Was muss man sich unter Tina Gintrowskis »Lyrikstories« vorstellen?

Es gibt für mich immer wieder Bücher, deren radikaler Ansatz mich so überzeugt, dass für mich Buchmarkt und Kritikererwartungen keine Rolle spielt. Ein Gedichtband von David Lerner war das zum Beispiel oder eben Tina Gintrowskis »Lyrikstories«. Das sind bissig-böse, dabei aber spielerische Gedichte, die sich nicht einfach in die Lyriklandschaft einpassen lassen. Tina ist zwar Open-Mike-Preisträgerin, aber als Lyrikerin bislang nicht hervorgetreten. Da trifft es sich gut, dass sie erstmals auch im»Jahrbuch der Lyrik« zu finden ist.

Der poet kann ein kleines Jubiläum feiern: Er geht in die zehnte Ausgabe! Außerdem seid ihr letztes Jahr mit dem Calwer Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet worden. Was sind eure weiteren Pläne für das Magazin?

Der poet will Literatur, vor allem auch junge Literatur, noch stärker vermitteln. Es gibt ja bereits die Autoren-Gespräche darin, in Zukunft wird es auch Reportagen über literarische Themen geben. Zeitschriften und Bücher sind heute schnell (digital) gedruckt, aber wir brauchen ein überzeugendes Konzept, um anspruchsvolle Literatur einer nennenswerten Leserschaft nahezubringen und ihre Bedeutung darzustellen. Das auch insgesamt als Verlagskonzept: Nicht zu viel Titel in die Welt streuen, sondern Akzente setzen.

… und peng: hier kommen die Neuerscheinungen aus dem poetenladen!

Wortspiele 2011: Xaver Bayer im Gespräch

Dienstag, März 8th, 2011

In München geht an diesem Donnerstag das internationale Literaturfestival Wortspiele in eine neue Runde. Das Festival findet jährlich in München und Wien statt und präsentiert spannende Stimmen der jungen Literaturszene.

Wir haben das Festival zum Anlass genommen, um mit Xaver Bayer über seinen gerade erschienenen Roman »Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen« zu sprechen, den du bei TUBUK im März testlesen kannst. Xaver Bayer liest am 10. März bei den Wortspielen in München, außerdem am 31. März bei den Wortspielen in Wien. Wie der ungewöhnliche Roman entstanden ist, den man live vorgelesen auf keinen Fall verpassen sollte, erzählt uns Xaver Bayer im Interview.

Lieber Xaver, dein neues Buch ist ein Experiment: In einem langen Satz macht das erzählende Ich eine Beobachtung nach der anderen und verknüpft diese zu neuen Empfindungen. Wie bist du auf die Idee gekommen, den Roman in dieser Form zu schreiben?

Ich hatte seit einigen Jahren schon die Idee, einen ganzen Tag, vom Erwachen bis zum Einschlafen, möglichst deckungsgleich mit der Wirklichkeit zu protokollieren, also mit allen vermeintlichen Nebensächlichkeiten und Bedeutsamkeiten, allen Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen, Phantasien, Bewegungen, Handlungen, Äußerungen. Freilich würde das ausufern, also habe ich mich hier auf eine kürzere Zeitspanne beschränkt. Und da der Fluss der Gedanken in meinem Kopf nie wirklich abreißt, höchstens springt oder changiert, lag es auf der Hand, sich diesem Lauf oder Verlauf in der Form anzugleichen. Mir schwebte auch so eine Art von natürlicher Cut-up-Methode vor. Außerdem mag ich, dem Sprachmelodie und -rhythmik wichtig sind, musikalische Stücke, die durch Rhythmik und klangliche Wiederholungen oder Monotonien eine hypnotische Wirkung erzeugen, was ja von manchen Leuten, insbesondere die neuere Musik betreffend, als Motorik-Sound bezeichnet wird. Ich habe also versucht, etwas hinzubekommen, das sich diesen Vorstellungen annähert.

Ich habe mich an einen Film erinnert gefühlt, der in einer langen Einstellung, ohne Filmschnitt, gedreht wird. Bist du vielleicht auch durch filmisches Erzählen beeinflusst?

Freilich. So schätze ich zum Beispiel die sorgfältige und ausführliche Weise, wie Ozu seine Filme gedreht hat, sodass im Fluss der Erzählung die große Bedeutung der Nuancen angedeutet wird, denn sie sind es ja meistens, die wie unsichtbare Zwerge den Alltag tragen. Aber auch das Zerhackte des von Bild-zu-Bild-Fallens oder -Springens beim Fernsehen oder beim Internetsurfen, das Digitale, beeinflussen mich, wobei ich oft das Gefühl habe, dass sich so ein Bildertrubel zu einem surreal-systemischen Gebilde verselbständigt, so eine Art von lebendem Merzbau vielleicht.

Beim Lesen hat man das Gefühl, der Text erschafft eine eigene Wirklichkeit. War es schwer, den Strom von Empfindungen, der scheinbar ganz natürlich vor dem Auge des Lesers abläuft, so zu beschreiben?

Ich habe seit zwei, drei Jahren ein Notizbuch geführt, in das ich Beobachtungen und Gedankengänge oder auch nur einzelne Wörter eingetragen habe, und das habe ich – dem oben erwähnten Vorhaben entsprechend – vom ersten bis zum letzten Moment des Bewusstseins an einem Tag in Hinblick auf eine zukünftige Verwendung gefüllt. Ich habe dann nur gemerkt, dass es zum einen eben zu umfassend werden würde, und zum anderen hat es begonnen mich zu langweilen, etwas sozusagen für später anzuhäufen, etwas zu horten. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht, als ich fühlte, dass mir bei noch längerem Warten mit diesem Projekt das Interesse abhanden kommen könnte.

Du lässt in deinem Buch zahlreiche Reiseerfahrungen anklingen, darunter Paris und Asien. Was bedeuten für dich Reisen und Schreiben?

Eine gute Kombination. Man ist aus dem Häuschen, und das ist der Phantasie zuträglich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Xaver Bayer wurde 1977 in Wien geboren, wo er auch lebt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2008 mit dem Hermann-Lenz-Preis. »Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen« ist sein fünfter Roman. Er ist im Salzburger Jung und Jung Verlag erschienen.

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